BEHANDLUNG DER AKUPUNKTURPUNKTE

„Zu behaupten, die Nadelung sei einfach anzuwenden bedeutet, dass es einfach ist, über den Einsatz der kleinen Nadel zu reden. Zu unterstellen, dass der Einsatz der kleinen Nadel schwierig sei, bedeutet, dass die wahren Geheimnisse des Einsatzes der kleinen Nadel nur schwer zugänglich sind.“ (Nei Jing Ling Shu, Kap.3)
Allgemein wird beschrieben, dass mit oberflächlichem und tiefem Stechen therapiert wird. Die Indikationen sind schon angegeben: bei äußeren oder akuten Erkrankungen wird oberflächlich und bei inneren oder chronischen Erkrankungen wird tief gestochen. Orientierende Kriterien für diese zwei Arten von Stechen sind aber nicht gegeben. Es wird angenommen, dass die Sekundärgefäße sich in der Oberfläche und die Hauptmeridiane sich in der Tiefe befinden. Wie oberflächlich und wie tief befinden sich die Sekundärgefäße und die Hauptmeridiane? Wie oberflächlich soll das oberflächliche und wie tief soll das tiefe Stechen sein? Eine genaue Beobachtung der Beschaffenheit der Gewebe bei energetischer Fülle und Leere hat dazu geführt, dass man den Tendinomuskulärmeridian in der dermalen Schicht und den Hauptmeridian in der Schicht um die Camper-Faszie* befindet. In den Klassiker befindet sich aber eine mehrschichtige Einteilung des Akupunkturpunktbereichs. Folgende Zitate beschreiben diese Schichten, leider nicht komplett und uneinheitlich.
„Deswegen soll man die Punkte in der Epidermis-, in der Fleisch-, in der Muskel- und in der Gelenkschicht angepasst stechen. Man soll die Leere nicht dispergieren und die Fülle nicht tonisieren weil die Krankheit schlimmer wird.“ (Nei Jing Ling Shu, Kap.1, Chamfrault A.)
„Deswegen wird gesagt: „Die Haut, das Fleisch, die Muskeln und die Gefäße haben ihren unterschiedlichen Situierungen, ihre unterschiedlichen Erkrankungen und ihre unterschiedlichen Behandlungen. Im Falle der Fülle soll man die Fülle nicht vermehren; im Falle von Leere soll man die Leere nicht vermehren. Man soll sowohl die Leere als auch die Fülle nicht verstärken weil das die Erkrankung verschlimmert.“ (Nei Jing Ling Shu, Kap.1, Nguyen Van Nghi)
„Darum heißt es verschiedentlich auch, dass Haut, Muskeln, Sehnen sowie Leitbahnen verschiedene Stellen innerhalb des Körpers einnehmen, und dass die jeweiligen unterschiedlichsten Krankheitsbilder auch in unterschiedlichster Weise auf die jeweiligen Behandlungsmethoden ansprechen.“ (Nei Jing Ling Shu, Kap.1, Schmidt W.G.A.)
Besonders wichtig finde ich die Belehrung in Bezug auf die Therapie.
Es sind einige therapeutische Beispiele zu finden, aber leider auch nicht klar verwendbar dargestellt.
„Im Frühling sind es die Xing-Punkte der Luo-Leitbahnen, die Jīng-Punkte der zwölf Hauptmeridiane sowie die der Hauptmeridiane im Bereich zwischen Haut und Muskeln, die zur Nadelung herangezogen werden sollten. Im Sommer sollten die Shu-Punkte der zwölf Hauptmeridiane sowie die der unscheinbaren Abzweigungen der Luo-Leitbahnen sowie die oberflächlich gelegenen Punktstellen zwischen Muskeln und Haut zur Nadelung herangezogen werden. Im Herbst sind es die He-Punkte und jene, auf die man auch im Frühling zurückgreift, die zur Nadelung herangezogen werden. Im Winter sind es die Jĭng-Punkte der Zwölf Hauptmeridiane und die Shu-Punkte, die zur Nadelung herangezogen werden, eine tiefe Einführung der Nadel mit Verbleib der Nadel an der betreffenden Körperstelle sollte dabei ausgeführt werden.“ (Nei Jing Ling Shu, Kap.2, Schmidt W.G.A.)
„Im Frühling soll man die Ying-Punkte, die Sekundärgefäße, die Punkte in der Nähe der großen Muskeln auf das Fleisch stechen. In Sommer soll man die Shu-Punkte, die sich am Fleisch, an der Epidermis befinden und die kleinen Kapillaren stechen. Im Herbst soll man die He-Punkte stechen. Im Winter die Jĭng-Punkte, die Nadel tief einstechen und lange am Platz belassen.“ (Nei Jing Ling Shu, Kap.2, Chamfrault A.)
„Im Frühling steche die Luo-Mai, die entsprechen den Ying-Punkten und sind situiert zwischen den großen Meridianen und dem Fleisch. Im Sommer steche die Punkte der Sun Luo; die entsprechen den Ying-Punkten und sind situiert zwischen dem Fleisch und die Haut. Im Herbst steche die He-Punkte nach der gleiche Methode wie im Frühling. Im Winter steche tief die Jĭng– und Shu-Punkte und lasse lang die Nadel am Platz.“ (Nei Jing Ling Shu, Kap.2, Nguyen Van Nghi)
Die Wichtigkeit dieser Schichten wird im folgendem Zitat betont: „Insgesamt kommt man auf 365 Punktstellen, wo sich das Qi bemerkbar macht, und wenn man um ihre jeweiligen Eigenschaften weiß, so kann man mit ihnen umgehen; kennt man aber ihre jeweiligen Eigenschaften nicht, so zielt man angesichts ihrer Vielschichtigkeit ins Leere.“ (Nei Jing Ling Shu Kap.1)
Eine sorgfältige Analyse dieser Schichten führt zu der Möglichkeit einer genaueren Bezeichnung einschließlich Zuordnung der Schichten**.
Vom Standpunkt der Afferenz zum Hauptmeridianpunkt sind zwei Schichten in der Oberfläche beschrieben: die energetischen Kapillaren in der Epidermis und der Tendinomuskulärmeridian/TMM in der Dermis. Sie bekommen die Einflüsse der Außenwelt (Himmelsenergien). Das Resultat dieser Einflüsse wird von der Himmelschicht des Hauptmeridianbereichs zum Hauptmeridian (die Menschschicht) weitergeleitet. Der Hauptmeridian steht auch unter dem Einfluss der Grundeinstellung des Körpers. Diese wird von der Erdeschicht (Körper/Materie/Erde) übermittelt und wird von der Essenz/Erbenergie gesteuert.
Vom Standpunkt der Efferenz vom Hauptmeridianpunkt in Richtung Gewebe/Körper haben wir in der Oberfläche die Haut- und die Muskelschicht. Die Hautschicht wird von der Epidermis und die Muskelschicht wird von der Dermis dargestellt. Die Hautschicht entspricht dem energetischen Lunge-Organ und die Muskelschicht entspricht dem energetischen Leber-Organ. In der Tiefe befinden sich der Hauptmeridianbereich mit der Sehnen-, Gefäß- und Knochen-Schicht. Die Sehnen-Schicht wird von der oberflächlichen Subcutis dargestellt und entspricht dem energetischen Milz-Organ, die Gefäß-Schicht wird von der mittleren Subcutis dargestellt und entspricht dem energetischen Herz-Organ***, die Knochen-Schicht wird von der tiefen Subcutis dargestellt und entspricht dem energetischen Niere-Organ. Diese Schichten repräsentieren die Strukturen, die das materielle Substrat für die energetischen Funktionen darstellen. Das ist analog der Gewebe, als Ziel der Yang Meridiane, die das materielle Substrat für die Funktionen die diese Meridiane steuern zu verstehen****.
Die Komplexität dieser Struktur wird im folgenden Zitat angedeutet: „Die Aussage, wonach Haut, Muskeln, Sehnen und Knochen in den ihnen angemessenen Gegenden angesiedelt sind, bedeutet, dass senkrechte und netzförmige Meridiane ihren jeweiligen Herrschaftssitz haben.“ (Nei Jing Ling Shu Kap.3)
Die Funktion des Akupunkturpunktes in dieser Struktur ist sehr verwickelt und nicht genau zu durchschauen. In der Diagnose ist der energetische Zustand dieser Schichten nach der Gewebedichte (beim Einstechen der Nadel) zu beurteilen. Bei erhöhtem Widerstand (Fülle) wird sediert*****, bei reduziertem Widerstand (Leere) wird tonisiert******. Wenn irgendeine Schicht sich in Fülle befindet wird sediert. Tonisiert wird generell nur wenn alle Schichten sich im Leerezustand befinden. Sonst können wir uns auf die Reaktion, die die Essenz (Erbenergie) auslöst******* verlassen. Diese Reaktion ist immer richtig.
Bei deutlicher Störung nur einer Schicht (bei mehreren Punkten) ist auch die Untersuchung des energetischen Zustandes des entsprechendes Organs notwendig (der Mu- und He-Punkt) und bei Bedarf (Störung/erhöhte Depressibilität) behandelt (tonisiert oder dispergiert).

* Camper-Fascie: Fasciae investientes abdominis intermediae, mittlere Abteilungen der die Bauchwand umgebenden Bindegewebsschichten

**
*** Die „Gefäße“ sind wahrscheinlich die Jing-Luo-Mai und nicht die Blutgefäße, weil die Blutgefäße vom Perikard gesteuert werden (bzw. das Blut) und „der Fluss der Energie in den Meridianen bildet den Menschen“. Das geistige Wesen des Menschen, nicht die materielle Struktur des Körpers, bildet den Menschen.
**** Die Energie der Yang Meridiane fließt von Oben/Energie nach Unten/Materie/Gewebe und steuert die Funktion der Gewebe. Der Fluss der Energie in den Yin und Yang Meridianen läuft immer zentripetal (die ‚Information’ die eine Reaktion auslöst.
*****http://drkarlquint.wordpress.com/2009/01/21/drei-arten-von-nadelung/
DREI ARTEN VON NADELUNG
DISPERGIEREN, SEDIEREN UND TONISIEREN 
******http://drkarlquint.wordpress.com/2007/11/20/tonisieren-2/
TONISIEREN (2)
******* Der Nadelstich agiert als eine Verwundung und die Reaktionen des Körpers dienen der Heilung, der „Wiederkehr zur Ordnung“.

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