„Der Teint, die Pulse, die Symptome bilden eine Einheit, so wie die Stimme und ihr Echo, so wie die Wurzel und die Blätter eines Baumes.
Der Teint, der Puls und die Symptome sollen übereinstimmen. Ein Puls Yang und Symptome Yin zeigt eine schlechte Prognose.“ (Nei Jing Ling Shu, Kap. 4)
„Von jenen Ärzten, die zur Anwendung aller drei Diagnostikmethoden in der Lage sind, kann man sagen, dass sie im höchsten Maße für die Aufgabe eines Heilkundigen berufen sind, denn sie sind in der Lage, neun von zehn Patienten zu heilen; … und solche Ärzte, die nur eine der drei erwähnten Diagnostikmethoden beherrschen, sind solche von unterer Qualifikation, sie können nur sechs Kranke von insgesamt zehn Patienten heilen.“ (Nei Jing Ling Shu, Kap. 4)
Die lokale Behandlung bezieht sich auf den therapeutischen Einsatz der Akupunkturpunkte, die sich im Gebiet der Erkrankung befinden. „Der mittelmäßige Arzt befasst sich nur mit den Guan (關 Gelenke). Der gute Arzt hält sich am Guo (過 Bewegung) fest. Diese Bewegungen sind nicht von den ‚Löchern’ abgekoppelt; die sind delikat und sublim.“ (Nei Jing Ling Shu Kap. 1) Die Energie ist nicht sichtbar, aber das materielle Substrat der Punkte gibt Auskunft über den energetischen Zustand der Punkte. Die Störung der Energie verursacht eine Störung der Beschaffenheit der Punkte. Die Depressibilität der Punkte zeigt die Störung der Energie. Das führt zu einer richtigen, nach der Störung orientierten Auswahl der zu behandelnden Punkte (der Meridianen und etrameridian).
Die Akupunkturpunkte besitzen einen oberflächlichen Bereich, Yang, den Tendinomuskulären-Punkt, der die Gewebe (Oberfläche/Biao) versorgt und einen tiefen Bereich, Yin, den Hauptmeridian-Punkt, der dem Tiefen Steuerungsbereich (Tiefe/Yin) gehört. Vom Tendinomuskulär-Punkt (Wei-Punkt) entspringen die transversalen Ramifikationen. Vom Hauptmeridian-Punkt (Ying-Punkt) entspringen die transversalen Sun Luo Gefäße. Diese transversalen Sekundärmeridiane steuern die zwei Hauptenergien, die Wei-Qi (Abwehr-/Anpassungsenergie) vom Tendinomuskulär-Bereich und Ying-Qi (Nähr-/Erhaltungsenergie) vom Luo-/Hauptmeridian Bereich*. Die Wirkung erstreckt sich im ganzen metameren Bereich und schließt alle Gewebe der Soma und Viscera ein**. Daher die Bezeichnung ‚loko-regional’. Die Gewebe, die sich außerhalb des Verlaufs der Hauptmeridiane befinden, besitzen die gleichen energetischen Strukturen/Schichten wie die Akupunkturpunkte: Haut, Muskel, Sehnen, Gefäße und Knochen***. Das heißt: die Haut-Schicht die Trennschicht zur Außenwelt darstellt, die Muskel-Schicht die Energie bewegt (in Richtung Gewebe und in Richtung Meridian), die Sehnen-Schicht (Erde-Element, Materie-Körper/Form, Xing 形 ) die Bewegung überträgt (in Richtung Gefäße/Shen und in Richtung Gewebefunktion/Muskel-Schicht), die Gefäß-Schicht, die das Verhalten des Menschen modelliert (Funktion des Körpers/Materie, der Psyche und die Wirkung der Erbenergie) und die Knochen-Schicht, die die Erbenergie (die Essenz) verwaltet (die alle darüber liegenden Schichten kotrolliert und von denen beeinflusst werden kann). Diese Schichten sind in wechselseitiger Beziehung zu betrachten.
„Die 12 Hauptmeridiane des Körpers sind … über die 365 Punktstellen der Meridiane netzförmig miteinander verbunden.“ (Nei Jing Su Wen, Kap. 58) „Dass es 365 Punktstellen an den Gelenken gäbe, ist eine Aussage in Bezug auf jene Stellen der netzförmig verlaufenden Leitbahnen, die die Gelenke (Meridianpunkte) ernähren.“ (Nei Jing Ling Shu, Kap. 3
Die netzförmigen Verbindungen haben als Folge eine wechselseitige Beziehung der Punkte. Beim Stechen eines Punktes erstreckt sich die Wirkung auch auf anderen Punkte, nach dem Prinzip der Symmetrie (links/rechts, unten/oben, ventral/dorsal, innen/außen).
Ein Meridian führt sowohl Wei Qi als auch Ying Qi. Die Störung des Wei Qi/Tendinomuskulärbereich äußert sich in Schmerzhaftigkeit, bei Fülle nimmt sie zu, bei Leere nimmt sie ab. Die Störung des Ying Qi/Hauptmeridianpunkt/Luo-Bereich ändert die Durchblutung/den Turgor der Gewebe. Bei Fülle nehmen die Durchblutung und der Turgor zu, bei Leere nehmen sie ab. „Wenn das Leiden am Blut liegt, soll man die Ying Punkte stechen. Wenn man auf die Energie wirken will soll man die Wei Punkte stechen. (Nei Jing Ling Shu Kap. 1) „Wenn man sticht kann man bereits erkennen ob es um Leere oder Fülle geht. Das schwere Einstechen der Nadel bedeutet Fülle, das leichte einstechen bedeutet Leere.“ (Nei Jing Ling Shu, Kap. 1) Es ist evident, dass man tonisieren soll in Fall von Leere, dispergieren in Fall von Fülle und bluten in Fall von Kongestion.“ (Nei Jing Ling Shu Kap. 1) Das ist die allgemeine Behandlungsregel.
„Die Perverse Energie setzt sich anfangs in die Kapillaren und Sekundärgefäße nieder. Um zu behandeln reicht es, wenn man oberflächlich sticht. Zu diesem Zeitpunkt des Angriffs der Perversen Energie soll man sofort an der gestörten Stelle dispergieren, ohne dass man sich um den Meridian kümmert. Zum Schluss, im Falle einer Kongestion der (energetischen) Kapillaren, im gleich welchem Teil des Körpers, und dort wo die Epidermisfarbe verändert ist (Sun Luo), soll man sofort dispergieren und wenn nötig bluten, ohne uns um die Meridiane zu kümmern.****“ (Nei Jing Ling Shu Kap. 1) „Die Sunluo sind kleine Gefäße, die aus den großen Luo hervorgehen. Diese kleinen Gefäße bedecken das Tegument und stellen das System dar, über welches die pathogene Energie eindringt und evakuiert wird. Die Sunluo unterscheiden sich von den Jingmai, da man sie sedieren kann, wenn sich das Blut hier in Fülle befindet.“ (Nei Jing Su Wen, Kap. 58)
Bei chronischen Störungen/Erkrankungen können sich Fülle-Bereiche bilden, die man dispergieren/sedieren***** soll. Dafür muss man bis in der Erde-Schicht stechen, um alle Fülle-Bereiche zu erwischen******. Wenn keine Fülle zu finden ist und der Punkt sich in Leere befindet, wird tonisiert.
Bei chronischen Störungen/Erkrankungen ist die primäre Ursache ein Leere-Zustand. Auch wenn örtlich ein Schmerz (Fülle-Zustand) vorkommt, ist diese Fülle, nach einer Symmetrie-Regel, sekundär einer Leere entstanden. Die Sedierung der Fülle ist zwar möglich, aber nicht die richtige Therapie. Der Schmerz wird nicht anhaltend abnehmen. Die richtige Therapie wäre die Tonisierung der Leere. Die induzierte Fülle wird entsprechend abnehmen.
*„Der Ausdruck Blut bezieht sich hier auf das Blut in den zwölf Blutleitbahnen. Qi bezieht sich hier auf das Meridian-Qi in den zwölf Hauptmeridianen”. Vordergründig kann man aus diesem Kommentarhinweis schließen, dass Blutleitbahnen und die Hauptmeridiane als Leitbahnen des Qi hier als identische Einheiten verstanden werden.“ (Nei Jing Ling Shu, Kap. 33, S)
**** örtlich, überall stechen, nicht nur die Meridianpunkte
***** Dispergiert wird die Fülle der Perversen Energie, sediert wird eine Fülle der normalen Energie; ein Schmerz, der vom Tendinomuskulärpunkt verursacht wird kann durch Druck gut lokalisiert werden, ein Schmerz der vom Hauptmeridianpunkt verursacht wird ist diffus und durch Druck nicht lokalisiert werden.

